Bridgemaker in der Presse

Wie ein Mittelständler der Digitalisierung begegnet

Mehr als nur Licht

Leuchten fertigen – das kann Waldmann. Aber die Branche entwickelt sich weiter, Lampen müssen mehr sein als nur eine Lichtquelle. Wie findet der Mittelständler ein Geschäftsmodell für die digitale Zukunft

Den Moment der Erleuchtung hatte Christoph Waldmann im Frühjahr vor drei Jahren in San Diego. Waldmann besuchte dort die Fachmesse „Light Fair“, um zu sehen, was die Konkurrenz so macht, und war vor allem über einen Aussteller völlig perplex. Am Stand des Sensorherstellers Enlightened kam keiner vorbei, alle sprachen plötzlich über Sensoren. „Das war für mich ein Hallo-wach-Moment“, erzählt Waldmann. Natürlich war Sensorik nichts Neues für den Stehleuchten-Spezialisten Waldmann aus dem Schwarzwald, aber eben auch nichts, womit man Geld verdiente.

Der eigens als Chief Digital Officer (CDO) angeheuerte Thomas Knoop fand schnell Ansatzpunkte für neue Geschäftsmodelle: einerseits die immens gestiegenen Immobilienpreise, gleichzeitig den Trend zu sogenannten „Non-territorialen Arbeitsplätzen“, also einer neuartigen Aufteilung von Büroflächen nach bestimmten Funktionen, von der großzügigen Kreativfläche bis zur ruhigen Telefonzelle. „Wo bis zu 50 Euro je Quadratmeter bezahlt werden, ist es besonders wichtig, dass die Fläche optimal genutzt wird“, fasst Knoop zusammen. Um das in Erfahrung zu bringen, könnten Stehleuchten als Datensammler genutzt werden. Ein Geschäft wird daraus aber nur, wenn sich die Daten analysieren und verwerten lassen – und somit stand der Mittelständler Waldmann vor einem neuen Problem: Leuchten und Elektronik sind das Kerngeschäft, mit Software-Dienstleistungen, („Software as a Service“) und Künstlicher Intelligenz aber hatte das Unternehmen keine Erfahrung.

Die Herausforderung ist angenommen, Waldmann und Knoop können nun Vollzug melden. Man sei im Herbst mit dem neu gegründeten Start-up Liz in den Office-Analytics-Markt eingetreten, heißt es nüchtern in einer Mitteilung. Die ersten zehn Installationen stehen und sammeln Daten über die Raumnutzung, zum Beispiel über Bewegungsmelder, die auch kleinste Bewegungen registrieren, mit Schalldrucksensoren, Temperaturanalysen und auch durch die Messung von flüchtigen organischen Verbindungen für die Analyse der Luftqualität. Ein Anfang erst, aber eine große Hoffnung, wie Christoph Waldmann verdeutlicht: „Liz ist unsere Galionsfigur, die die Waldmann Group in die Zukunft führen wird. Schon in wenigen Jahren werden die Daten, die unsere smarten Leuchten generieren, für unsere Kunden genauso wichtig sein wie das Licht, mit dem sie die Büros erleuchten.“ Liz klingt nicht von ungefähr nach Liselotte, dem Vornamen von Christoph Waldmanns Großmutter. Und was die Zukunft angeht, so will er sie definitiv sehr aktiv mitgestalten. Vom 1. Januar an wird der 35 Jahre alte Christoph Waldmann in die Geschäftsführung eintreten mit Zuständigkeit für Technik und Marketing, während sein mittlerweile 70 Jahre alter Vater Gerhard Waldmann den Vorsitz des neu geschaffenen Beirats übernehmen wird.

Was hinter Liz steckt, ist eine kleine Revolution für das 91 Jahre alte Familienunternehmen – denn die Waldmanns haben der Start-up-Welt ihre Türen geöffnet. Sie suchten einen „Company Builder“, also eines jener Unternehmen, die genau jene Kompetenzen haben, die man braucht, um ein neues digitales Geschäftsmodell umzusetzen. „Die bauen digitale Firmen, eine nach der anderen, und haben genau die Ressourcen, die ein Mittelständler nicht hat. Sie stellen sogar die erste Geschäftsleitung“, beschreibt Thomas Knoop die Vorteile dieser Kooperation.
Vor ziemlich genau einem Jahr hat Waldmann sich unter zehn näher betrachteten Kandidaten für Bridgemaker als Partner entschieden. Bis April, so wurde vereinbart, sollte die Validierung stehen: Gibt es ein Geschäftsmodell, das zu Waldmann passt? Im Juni war dann die Gesellschafterversammlung, seither gibt es die Liz Smart Office GmbH mit Sitz in Berlin, in den Räumen von Bridgemaker, das mit 20 Prozent an dem Start-up beteiligt ist.

„Ich habe selten erlebt, dass so schnell entschieden wurde – das geht eben in Familienunternehmen“, lobt der Digitalchef Knoop, der einige Erfahrung in großen Konzernen gesammelt hat. Drei weitere Monate später war das „minimum viable product“ fertig, das dazu dient, den Markt und die Kundenwünsche mit echten Produkten zu erkunden. „Für die erste Version muss man sich schämen, heißt es in dieser Welt eben“, erklärt Knoop mit spöttischem Unterton.

Aber Liz hat renommierte Projektpartner, mit denen man schnell Fortschritte machen kann. Dax-Konzerne seien darunter, auch eine große Bank im Ausland. Ihnen hat Waldmann ein fertiges Paket geliefert, jeweils sechs Lampen, die über Bluetooth in Verbindung sind, mit einem vorkonfigurierten Router – „und schon tut’s“, verspricht Knoop. Die Kunden der Konkurrenz müssten dagegen unter Tische kriechen, Decken aufreißen, Kabel legen, Batterien wechseln. „Wir haben alles auf das Thema Einfachheit gesetzt“, erläutert Knoop die Strategie von Waldmann.

Es geht jetzt darum, sich in einem Markt zu etablieren, in dem schon locker 20 andere Unternehmen spannende Angebote machen. Zudem verknüpft Waldmann die allgemeine Datenanalyse mit konkreten Anwendungen für die Nutzer. So gebe es Apps, damit zum Beispiel Mitarbeiter in flexiblen Büros ohne festen Sitzplan von zu Hause aus schon ihren Lieblingsplatz buchen könnten. Und wer am Telefon zu laut werde, könne das mit einem Warnlämpchen an der Stehleuchte angezeigt bekommen.

Damit das Vordringen der modernen Technik nicht am Misstrauen der Mitarbeiter scheitert, verspricht Waldmann, dass die Daten völlig anonym sind: „Eine Überwachung ist nicht möglich.“ So werden nicht nach Art der von Amazon angebotenen digitalen Assistentin Alexa Stimmen registriert, sondern der Geräuschpegel wird mit Schalldrucksensoren gemessen, und auch für Bewegungen sind keine Kameras, sondern Sensoren zuständig. „Wir glauben, dass wir eine Chance haben, uns gut zu positionieren“, sagt Christoph Waldmann. Auf einen zweistelligen Millionenbetrag wolle man in den nächsten drei, vier Jahren schon kommen, was, gemessen am aktuellen Waldmann-Umsatz von rund 150 Millionen Euro, ein Anteil von rund 7 Prozent wäre. Die größte Herausforderung, sagt Christoph Waldmann, sei der Vertrieb: „Die Digitalisierung bringt auch im Vertrieb ein ganz neues Arbeiten mit sich. Jetzt muss man auch ein Software-Service-Paket verkaufen“, gibt er zu bedenken und zeigt sich gleichzeitig optimistisch. „Bisher haben wir offene Türen eingerannt.“

An einem Punkt hat er noch zu knapsen, und das ist die Sache mit dem „minimum viable product“. Sich für eine erste Version zu schämen – das ist nichtsfür ein traditionsreiches Familienunternehmen mit höchsten Qualitätsansprüchen. „Wir nennen uns die ,Engineers of Light‘“, erinnert Waldmann an das Unternehmensmotto. Aber ohne Bridgemaker als Start-up- Partner, das ist ihm schon klar, hätte er nicht so schnell in dieses Feld vordringen können. Das aber musste sein: Unverrückbar steht der Termin der Fachmesse „Light and Building“ in Frankfurt im Frühjahr 2020. Dort will Waldmann die Zukunft schon zeigen.

Quelle: